Veröffentlicht am Do., 23. Jan. 2020 21:30 Uhr

Der Leserbrief einer Radio-Hörerin: Sie hat die Morgenandacht im Deutschlandfunk gehört. Sie ist Ende Dreißig, hat zwei Kinder, und die Andacht hat sie berührt. Sie schreibt: „Ich glaube nicht. Jedenfalls nicht an Gott. Aber ich bin froh, dass es Menschen gibt, die das tun und die darüber sprechen. Ich würde so gerne glauben. Nur: Wie soll das gehen – mit fast 40 Jahren?“

Ein Brief von berührender Offenheit. Voll Sehnsucht und Ratlosigkeit. „Ich möchte glauben. Hilf meinem Unglauben.“

Das ist fast wörtlich die Jahreslosung für 2020. Ein Satz aus dem Markusevangelium. Aber in der Geschichte, die uns da erzählt wird, klingt er nicht ratlos oder sehnsuchtsvoll. Eher laut, verzweifelt, fast aggressiv. Mit wenigen Worten zeichnet Markus eine dramatische Szene: Wir befinden uns mitten in einem Getümmel. Jesus mit seinen Freunden und Freundinnen. Ihnen gegenüber gelehrte Männer, die mit Jesus ein Streitgespräch führen. Drumherum eine Menge von Neugierigen. Mittendrin ein Vater mit seinem verschreckten, schwer behinderten Jungen. „Besessen“ ist er, schreibt Markus. Alle im Ort kennen wahrscheinlich seine Anfälle: Schaum vorm Mund, Zähneknirschen, Krämpfe, Ohnmacht. Alle sind überzeugt: In diesem Kind wohnt ein böser Geist. Familien mit solchen Kindern sind sehr allein. Man meidet sie. Dass der Vater und sein Sohn heute auf dem Dorfplatz sind, ist ungewöhnlich und den meisten nicht recht. Der Vater muss sehr verzweifelt sein, dieses ungeschriebene Gesetz zu brechen: den Sohn zu verstecken. Die Schande nicht zu zeigen, den Menschen keine Angst zu machen.

Aber da ist doch dieser Jesus, der angeblich Wunder vollbringen kann. Die Jünger versuchen, das Kind zu heilen – und scheitern. Die Emotionen kochen hoch: Ist dieser Jesus ein Scharlatan? Wenn seine Jünger so unfähig sind? Tumult bricht aus: der verzweifelte Vater, sein verängstigtes Kind, die schadenfrohen Menschen, die sich rechtfertigenden Jünger. Dann kommt Jesus. Aber nicht der milde, segnende Jesus aus meiner Kinderbibel. Sondern ein unfreundlicher, genervt wirkender Jesus. Er verlangt schroff nach dem Kind. Lässt sich die Krankengeschichte erzählen. Der Vater fleht ihn an: Wenn du etwas kannst, dann erbarme dich. Jesus erwidert kurz und abweisend: „Alles ist möglich dem, der da glaubt.“ Da explodiert der Vater. Er schreit: „Ich glaube. Hilf meinen Unglauben“. Dieser Schrei kommt von ganz tief innen. Alles Leid, alle Angst, alle Sorge brechen aus dem Vater heraus. In einem Schrei voll Verzweiflung und voll Vertrauen. Und Jesus heilt.

Was brauchen wir im Jahr 2020? „Ich würde so gerne glauben. Nur: Wie soll das gehen – mit fast 40 Jahren?“, schrieb die Radio-Hörerin. Ich weiß nicht wie. Aber ich weiß: Es geht. Vielleicht, wenn wir mehr von der Leidenschaft des verzweifelten Vaters hätten. Mehr von der Gewissheit: Mein Schmerz, mein Kummer können zu einer Kraft werden, die Heilung bringt. Vielleicht brauchen wir mehr Menschen, die sich Liebe, Hoffnung, Mut und Hartnäckigkeit nicht austreiben lassen. Die nicht einknicken vor den bösen Geistern, die das, was wir lieben, kaputt machen. Wir brauchen Menschen, die das Vertrauen nicht verlieren wollen, auch wenn alles dagegen spricht. Menschen, die ihren Unglauben so ernst nehmen wie ihren Glauben.

Wo diese Leidenschaft ausbricht, kann Neues entstehen. Auch Glaube mit 40 Jahren. Auch Heilung nach langem Leid, Gemeinschaft nach langer Einsamkeit. Ich wünsche Ihnen das Wunder dieses Glaubens, den Mut der Liebe, die Kraft der Hoffnung – für diese Advents- und Weihnachtszeit und für das Jahr des Herrn 2020.

Ute Sauerbrey, Pfarrerin in der Kirchengemeinde Lübars

(Foto: jahreslosung.jetzt)

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