Veröffentlicht am Mo., 22. Jun. 2020 00:00 Uhr

Ich schau es mir immer wieder gern an: ein kleines, feines Aperçu des Kabarettisten Hagen Rether über den Urlaub. „Am ersten Ferientag fliegen die Leute in den Urlaub, weil sie panische Angst vor Langeweile haben.“ Rether lehnt gelangweilt am Flügel, einen roten Kaffeebecher in der Hand. „Langeweile. Das ist das letzte verbliebene Tabu offensichtlich!  Horror vacui!“ Man glaubt ihm das Kopfschütteln: „Am ersten Ferientag fliegen die weg. Aber vorher musste noch die Bude aufräumen, damit‘s schön ist, wenn‘de wiederkommst!“ Tiefer Schluck aus dem Kaffeebecher. „Na dann bleibt doch zu Hause, wenn‘s schön ist!“ Kopfschütteln. „Frühbucherrabatt heißt die Pest! Da weißte denn schon im Januar, dass du am 17. Juli in die Ferien fliegst. Da weißte denn aber auch schon im Januar, dass du am 16. Juli die Bude aufräumen musst!“ Noch ein Schluck Kaffee. „Wahnsinn. Warum machen wir das. So‘n Stress!“ 

Den Stress haben wir nicht in diesem Jahr. Die schönsten Frühbucherrabatte nutzen nichts, wenn Flugzeuge am Boden bleiben, Grenzen dicht sind, Heimkehrer 14 Tage in Quarantäne müssen. Das Volk der Frühbucher fängt 14 Tage vor Ferienbeginn vorsichtig an, Pläne für den Urlaub zu schmieden. Wahnsinn. Vielleicht bleiben wir einfach zu Hause, wie die letzten vier Monate auch schon. 

Ist das Horror? Oder eine Chance – für weniger Stress, für mehr Zeit zum Nachdenken? Eine Chance, zu tun, wonach uns der Sinn steht statt zu tun, was wir vor einem halben Jahr geplant haben zu tun? 

Nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Die globale Pandemie mit ihren vielen Opfern weltweit ist furchtbar. Und sie wird nicht weniger furchtbar, weil das Wasser in Venedigs Kanälen klar ist, Delfine in der Spree schwimmen und wir verplanten Deutschen die Spontaneität lernen. 

Aber Menschen können in Krisen-Zeiten wertvolle Dinge lernen – auch wenn es schöner gewesen wäre, sie ohne die Krise zu lernen. Es wäre besser gewesen, auch ohne „Corona“ konsequent das Klima zu schützen, für die alte Nachbarin einzukaufen und Spontaneität zuzulassen. 

Nun ist der Sommer da und das Virus ist auch noch da. Wir dürfen wieder draußen Kaffee trinken und unsere Alten besuchen. Aber hemmungslos feiern oder die Oma wieder fest in den Arm nehmen – das geht noch nicht. 

Es wird ein Sommer mit Zeit zum Nachdenken, hoffentlich. Ich weiß schon: Wenn mein Küchentisch endlich kein Volksschul-Klassenzimmer mit Vollzeit-Unterricht für mehrere Jahrgangsstufen ist, dann will ich auch mal was lesen. Vielleicht mache ich den Anfang mit der Bergpredigt Jesu, wo so viel drinsteht, was in Krisen-Zeiten trägt und auch dann noch wahr ist, wenn die Krise hoffentlich bald vorbei ist: „Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Spanne verlängern? Und was sorgt ihr euch um eure Kleidung? Lernt von den Lilien des Feldes, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Plage.“ 

Einen gesegneten Sommer wünscht Ihnen

Ihre Pfarrerin Ute Sauerbrey

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(Foto: pixabay.com)

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