Veröffentlicht am Fr., 9. Okt. 2020 00:37 Uhr

Unbarmherzige Zeiten sind es, seit  Corona uns im Griff hat. An keinem anderen Ort habe ich das in den zurückliegenden Monaten so verstörend erlebt, wie bei Bestattungen. Die Toten angemessen zu begraben, das  gehört zur wichtigen kirchlichen Tradition der „Werke der Barmherzigkeit“. Noch  immer sehe ich das weinende Mädchen vor mir, das in der Trauerhalle nicht neben seiner trauernden Oma in einer Reihe sitzen durfte, weil sie nicht in einem Haushalt wohnten. Es  konnte die hilflosen Erklärungen seiner Mutter nicht akzeptieren.

Endlos, einsam und bitter waren die Wege zu Gräbern, die wie im Gänsemarsch zurückgelegt werden mussten, um Abstandsvorgaben einzuhalten. Und dann wurde die  Umarmung eines verzweifelten Wittwers durch Angehörige am offenen Grab fast zu einem Akt des zivilen Ungehorsams. Wie ein stummer Protest klang es, als sich eine Trauergemeinde einschließlich Sargträger und Pfarrer bei eisigem Wind vor der geschlossenen Kapelle für wenige Minuten sammeln durfte und im Kreis um den Sarg  stand.

Irgendwann im improvisierten Ablauf holte ein Angehöriger seine Sound-Box hervor, hielt sie hoch und spielte ein Lieblingslied der Verstorbenen. Immer wieder baten Angehörige darum, die Trauerfeier wenigstens aufzeichnen zu dürfen, um sie anderen Angehörigen und Freunden weitergeben zu können, die nicht zur anwesenden Trauergemeinde dazugehören durften. Quälende  Überlegungen, ob irgendwann später noch eine weitere und dann angemessene Trauerfeier in größerem Rahmen durchgeführt werden sollte. Aber was heißt das für den Prozess des Abschiednehmens?

Ähnliche Erfahrungen gab es viele an den Friedhöfen dieser Stadt. Erst langsam wurden Lockerungen zugelassen, Kapellen und  Kirchen wieder geöffnet. Dann wandelten sich wärmende Sonnenstrahlen zu dankbar angenommenen Seelennothelfern. Und es  gelingt hin und  wieder, den Feiern eine gewisse Würde zu geben.

Aber die bange Frage  bleibt: Kann es unter solchen Umständen eine begründete Hoffnung geben, dass die ausgesprochenen biblischen Worte und Bilder von der liebevollen Barmherzigkeit Gottes gegenüber Toten und Lebenden die Ohren  und Herzen der Trauernden überhaupt erreichen konnten? Doch solche Fragen sind ja nicht auf Corona-Zeiten beschränkt. Sie  stellen sich  auch in diesen Wochen am Ende des Kirchenjahres, wenn wir in besonderer Weise an die Verstorbenen, anTod und Ewigkeit denken.

Christoph Anders

(Foto: epd bild/Friedrich Stark - gemeindebrief.de)

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