Veröffentlicht am Fr., 27. Nov. 2020 23:54 Uhr

„Die Schokolade aus dem Adventskalender ist die beste.“ Das sagt meine anspruchsvolle Nichte, die nur im Bio-Laden einkauft. Ich muss lachen. Es gibt wirklich bessere Schokolade. 

Und außerdem: Adventskalender für eine Dreißigjährige! Ich frage nochmal nach. Ja, sie hat jedes Jahr einen. Adventskalender muss sein. Der gehört dazu. Sonst ist nicht Advent. Warum nur ist die Schokolade aus dem Adventskalender die beste? Schokolade wird ja nachgesagt, dass sie glücklich und optimistisch macht. Und zwar deswegen, weil da Stoffe drin sind, die Glückshormone produzieren. Das stimmt allerdings leider nur teilweise. Tatsächlich müsste man kiloweise Schokolade essen, damit genügend Glückshormone zusammenkommen.

Das macht dann leider nicht glücklich, sondern dick. Das Glücksgefühl, das sich nach dem Genuss von Schokolade aus dem Adventskalender einstellt, hat also nichts mit deren Inhaltsstoffen zu tun, sondern damit, dass wir schöne kindliche Erinnerungen an die Adventszeit haben, an Geborgenheit und Vorfreude und diese Erinnerungen strahlen in die Gegenwart hinein. Darum ist diese Schokolade die beste.

Außerdem gehört zu dieser Schokolade ein Ritual: Ein Türchen nach dem anderen öffnen, nicht alle auf einmal. Abwarten können. Geduld haben. Und sich freuen auf das, was kommt. Hoffnung braucht Nahrung. Und Schokolade versüßt das Warten. 

Dabei war die Adventszeit früher eine Fastenzeit. Zwar ging es schon im Mittelalter darum, sich auf die Feier der Geburt Christi vorzubereiten. Und man zählte voller Freude die Tage bis zum großen Fest. Aber gleichzeitig hat man in dieser Zeit daran gedacht, dass Christus gesagt hat, er würde bald wiederkommen. Dann aber nicht als kleines Kind in der Krippe, sondern machtvoll als Erlöser der ganzen Welt. Leider haben sich viele Christen das Wiederkommen von Christus eher wie einen apokalyptischen Weltuntergang vorgestellt und den Menschen Angst gemacht. Das hat sich aber nicht durchgehalten. Gott sei Dank!

Seit 1917 wird das Adventsfasten nicht mehr verlangt. Und um 1920 herum gab es die ersten Adventskalender mit Schokolade drin. Ich weiß zwar nicht, ob es da einen Zusammenhang gibt, aber ich bin froh, dass wir die Ankunft Gottes nicht fürchten müssen, sondern voller Hoffnung erwarten können.

Es kann ja nicht sein, dass der Gott, der am Ende aller Tage wiederkommt, so ganz anders ist, als der Gott, der an Weihnachten in einem Kind Mensch geworden ist. Aber wie sollen wir uns das vorstellen, dass Gott wiederkommt? Das ist schwieriger, als sich die Geburt Jesu in einem Stall vorzustellen. Ich sag’s gleich: Ich habe keine Ahnung.

Aber allen Geschichten aus der Bibel ist eines gemeinsam: Christen warten darauf, dass das Leiden aufhört. Wir warten darauf, dass irgendwann kein Kind mehr hungrig zu Bett gehen muss und keiner unter Brücken schlafen muss. Wir warten darauf, dass kein Mensch mehr vor Schmerzen weinen muss und dass niemand des Lebens so müde wird, dass er lieber sterben als leben will. Wir warten darauf, dass Menschen vergessen, wie das geht, Kriege zu führen, und mit waffenlosen Händen einander gegenüberstehen und lachen. 

Das sind Utopien. Manche belächeln das. Andere nennen das rührselig. Und ja, manchmal sind wir nah dran am Kitsch. Aber alles, was wir da tun, hält unsere Sehnsucht nach einer Welt wach, so wie Gott sie gemeint hat, als er einmal, ganz am Anfang sagte: „Siehe, es ist sehr gut.“ Christen leben von dieser Hoffnung. Ich auch.

Die Adventszeit mit ihren Bräuchen hält die Sehnsucht wach danach, wie diese Welt gemeint ist und wie wir gemeint sind. Jeder Stern, und sei er im Schaufenster eines Kaufhauses, ist zunächst mal ein Hinweis auf die Gegenwart Gottes, ganz wie der über dem Stall von Bethlehem. Jede Krippe, und wenn sie beim Bäcker auf der Theke steht, erinnert daran, dass Jesus Mensch war aus Fleisch und Blut. Jeder Weihnachtsbaum soll in mir Hoffnung wecken auf‘s Paradies, auch wenn‘s der Baum vor dem Rathaus ist. Jede Lichterkette erinnert mich daran, dass Gott stärker ist als alle Dunkelheit dieser Erde.

Im Advent hoffen und warten wir. Mit dem Täufer Johannes, der unsicher geworden in seinem Warten darauf, dass einer kommt, damit die Welt nicht so bleiben muss, wie sie ist. Mit Jesaja, dem Propheten, der das Licht herbeisehnt über dunkles Land. Mit dem Propheten Micha, der träumt, wie sich Schwerter in Pflugscharen verwandeln. Mit der alten Hanna, die wartet, dass Jerusalem Frieden findet. Und mit Maria, die hofft, dass Gott kommt, die Mächtigen vom Thron nimmt und die Niedrigen erhöht.

Uraltes Warten ist das, gewoben aus Hoffnungsfetzen und Traumfäden vieler vor uns, die gehofft haben in schweren und dunklen und traurigen Zeiten. Wir kennen den, den wir erwarten. Er hat in seinen Seligpreisungen den Anfang vom Ende der Not ausgerufen: „Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr sollt satt werden. Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen.“

Wir haben seine Geschichten. Wir hören seine Worte. Wir teilen seine Sehnsucht. Wir glauben seinem Gott. Wir nehmen ihn beim Wort, unseren Gott mit seinen Verheißungen und Zusagen. Trotzig und unverschämt werden wir ihm ins Gesicht hoffen, bis er nicht mehr anders kann, als all seine Verheißungen zu erfüllen.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit: Geduld, Hoffnung und Licht in dunklen Stunden

Ihre Pfarrerin Sabine Lettow

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(Foto: pixabay.com)

Kategorien Kirchenjahr