Veröffentlicht von Anne-Grit Gäbler-Wicovsky am Fr., 2. Apr. 2021 17:52 Uhr

Als in der letzten Woche von der Politik die „Osterruhe“ verordnet worden ist, bin ich mit meinen Gedanken an dieser neuen Wortschöpfung hängen geblieben.
Auch die in unserer Gesellschaft immer weniger bekannten Feiertage Gründonnerstag und Karsamstag fanden in diesem Zusammenhang in den Medien auf einmal Beachtung. Diese unscheinbaren Nebeneffekte einer lebhaften Diskussion haben mich durchaus gefreut. Denn vielleicht kennen Sie ja auch die Diskussionen, ob der Samstag vor Ostern nun der Kar- oder der „Ostersamstag“ ist.

Geschichtlich geht die Idee des Ruhetags bis ins Alte Testament zurück. Schließlich machte Gott am siebenten Tag der Schöpfung einen Tag Pause.

Die „Osterruhe“ dieser Tage hatte sicher keinen biblischen Bezug, sondern wollte lediglich besagen, dass zur Eindämmung der Pandemie neben den staatlichen Feiertagen Karfreitag, Ostersonntag und -montag, auch am Gründonnerstag und am Karsamstag das öffentliche Leben so stark wie möglich eingeschränkt werden sollte.

Aber Oster“ruhe“? Widerspricht sich das nicht? An den Tagen rund um Ostern passiert doch so viel. Gründonnerstag und Karfreitag - die Einsetzung des Abendmahls, Brot und Wein werden geteilt. Hoffnung lebt.

Dann der Garten Gethsemane. Das Gebet Jesu. Der Verrat des Judas und die Verhaftung Jesu. Der Prozess, der aufgehetzte Mob, das Todesurteil. Die Auspeitschung, die Dornenkrone, die Schmähungen, das Bespucken und der Weg zur Hinrichtungsstätte. Die Kreuzigung! Das Weinen, das Dabeibleiben. Aber auch das Abseitsstehen der Jünger. Dann die letzten Worte Jesu: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?!“ Auch seine Jünger konnten es nicht aushalten. Sie lassen ihn im Stich. - Aber bis dahin ist immer noch die Hoffnung lebendig: Gott wird, Gott muss doch eingreifen.

Doch Gott lässt es geschehen. Jesus stirbt. So viel Schlimmes. So schnell stürzt das Leben dem Ende zu. Und mit ihm kommt bleiern die Hilflosigkeit.

Und dann der Karsamstag. Leere. Ende. Kraftlosigkeit. Verzweiflung. Scham. Einsamkeit. Der Karsamstag ist nicht auszuhalten. Er ist unerträglich. Er ist all das, was wir nicht wollen. Wer je getrauert hat, ahnt etwas davon, wie die Jünger sich fühlten. Ihre Welt liegt in Trümmern. Wer eine Liebe verliert, der weiß etwas vom Karsamstag und seiner Trostlosigkeit. Wenn das dann alles war, denken wir, dann macht alles keinen Sinn! Oder?

Im Evangelischen Gesangbuch ist unter der Nummer 528 das Lied: „Ach wie flüchtig ach wie nichtig ist der Menschen Leben!“ aufgeschrieben. Acht Strophen Hoffnungslosigkeit. „Alles, alles, was wir sehen, das muss fallen und vergehen“, lautet die vorletzte Zeile. Die letzte dann: „Wer Gott fürcht‘, wird ewig stehen.“
Dieser kleine Satz stellt alle Hoffnungslosigkeit infrage. Er bezweifelt das Nichts, er hofft gegen den Augenschein und die Vernunft. Auch das ist Karsamstag. Es ist zutiefst menschlich, alles infrage zu stellen; auch das Ende, auch die Leere und den Verlust des Lebenssinnes. Das ist noch nicht Auferstehung. Das ist Karsamstag. Das ist das Fragezeichen hinter dem Tod, der Dunkelheit, der Leere. Das ist der Hauch Gottes, der mich leben lässt. Trotzdem.

In meiner letzten Gemeinde gab es eine junge Frau, die sich jedes Jahr neu für alle Gottesdienste in den Ostertagen als Lektorin zur Verfügung gestellt hat. Wir haben über ihre Gründe immer einmal wieder gesprochen und waren uns ziemlich einig: Es ist faszinierend, wie viel in den Gottesdiensten rund um Ostern passiert, thematisch und liturgisch. Es gibt Abend-, Nacht-, Frühmorgen- und Familiengottesdienste. Die Farben und Lichter wechseln. Tod und Leben kommen uns nahe. Hochfeierlich oder fröhlich geht es zu. Gemeinsam wird am Gründonnerstag ein „richtiges“ Abendessen und am Ostersonntag ein Osterfrühstück vorbereitet. Christliche Gemeinschaft kann für alle, die sich trauen zu kommen und sich auch gar nicht besonders gut kennen müssen, erfahrbar werden.

Ich hoffe, dass es im nächsten Jahr endlich wieder so „unruhig“ bei uns zugehen wird.

Eine gesegnete und frohe Osterzeit wünscht Ihnen

Petra Krötke, Pfarrerin in der Kirchengemeinde Alt-Wittenau

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(Foto: pixabay.com)

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